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Einführung zu den Zeichenkursen
(von Aimé Venel)

Mir ist, als hätte ich immer schon gezeichnet, aber das ist sicherlich nicht der Fall.

Mit vier Jahren begann ich Linien auf's Papier zu malen mit verschiedenen Farben, die man mir geschenkt hatte. Wenn der Malkasten eine bestimmte Anzahl Farben enthielt, dann habe ich eben mit allen diesen Farben gemalt. Als ich acht Jahre alt war, konnte ich schon Personen darstellen, die ich aus Büchern und Zeitschriften kopierte. Die Resultate waren so einigermaßen zufriedenstellend, und meine Mutter zeigte sie gerne den Nachbarn. Das spornte mich natürlich an.

Aber ohne irgendwelche Kenntnisse und Grundlagen, kamen die technischen Hindernisse mit einer schrecklichen Geschwindigkeit. Ich entschloss mich, zu Tricks zu greifen, wie etwa Pauspapier auf Fotografien zu legen oder meine Zeichnungen von meinem Bruder korrigieren zu lassen. Oder noch schlimmer, ich beteuerte, wie bedeutend doch meine Kreation und gerade das Neue an meiner Zeichnung seien.

Sehr bald musste ich mir den beißenden, verletzenden Spott und Hohn einiger meiner Altersgenossen gefallen lassen, die gnädigst ein Auge auf meine "Werke" warfen.

Aber ich hatte nichts begriffen.

Ich war so von mir überzeugt, bis ich mich mit achtzehn Jahren endlich überwand, zum ersten Mal einen Zeichenkurs zu belegen und zwar im Fernunterricht.

Ich hatte nun endlich eingesehen, dass ich lernen sollte. Der erste Schritt war getan. Mein Bewusstseinsniveau war größer geworden.

Obwohl aber die Kurse sicher gut aufgebaut waren, verstand ich nicht zu lernen: ich blätterte gleich vor bis Seite 50 oder 60, da die ersten Seiten meiner Meinung nach nur für Anfänger bestimmt waren und mich demzufolge nicht betrafen.

Und schon machte ich einen fundamentalen Irrtum! In einem Haus sind die Fundamente und die Mauern, ebenso wie das Gebälk und das Dach, viel wichtiger als die Verzierungen auf den Fenstern oder "die Tönung des Wasserhahns im zweiten Badezimmer".

Ohne Grundlage zeigt sich das Detail als Hindernis. Und dennoch macht die Fülle von zueinanderpassenden Details den Reichtum des Gesamtwerkes aus. Es gibt hier Wissen, das man richtig ausrichten sollte. Aber in welcher Ordnung? Ja, in welcher Ordnung?

In der richtigen Ordnung, ganz einfach! Dies musste ich allerdings erst einmal wiederfinden, denn die vielen Verwirrungen, die sich bei mir angesammelt hatten, waren gleichfalls Hindernisse. Dazu kamen noch die wohlgemeinten Ratschläge und Ansichten meiner "Freunde". Die Kreation kann nicht unter Normen und Regeln gesetzt werden. Entweder man wird als Künstler geboren, oder nicht. Wir alle sind Künstler, man muss sich nur nicht beeinflussen lassen und frei bleiben! 

Die kulturelle zeitliche Verzögerungen strafen die Künstler: "Du wirst erst nach deinem Tod bekannt sein!" Das verbannte die Kunst an einen unbedeutenden Platz und ließ dabei die Renaissance und die Blütezeit einiger einstigen Städte vergessen, wo die Kunst eine dominierende Stellung hatte und in entscheidender Weise zukünftige .Zivilisationen schufen.

Ich arbeitete mehrere Jahre hindurch und öffnete unzählige Türen, hinter denen sich manchmal Treppen auftaten, öfters aber Abgründe.

Mein Durchhaltevermögen rettete mich. 1974 lernte ich durch einen Freund Pierre-Yves TREMOIS kennen, den unbestrittenen Meister der Zeichenkunst und der Gravur, den ich bewundere und welchem ich seither nacheifere. Er begrüßt uns und er ist es, der mir seine bewundernde Aufmerksamkeit schenkt. Es ist ein Meister. Mein Körper sitzt auf einem Sessel. Ich bin nicht mehr hier, ich höre nichts mehr. Ich bin geblendet. Wir werden zusammen zeichnen, verspricht er mir. Ich weiß, in meiner Welt ist dies unmöglich. Ich verdiene es nicht und es wird nie so sein: ich realisierte von da an, dass noch alles zu tun bleibt.

Ich arbeitete unaufhörlich und immer noch ohne Grundlagen, aber eines Tages wurde ich dafür belohnt.

Meine Bekanntschaft mit dem Meisterportraitisten, Edouard MAC'AVOY, wird schließlich zum Wendepunkt meiner Karriere als Maler.

"Einem, der sich bis hierher mit eigener Kraft empor gekämpft hat, gebe ich gerne ein paar Lektionen... !"

Nach meiner ersten erlangten Ausstellung betrete ich sein Atelier, mit einem Bleistift in der Tasche und meiner Zeichenmappe unterm Arm. Ich kann im Grunde nicht einmal einen Bleistift richtig halten. Wie ein Schuljunge lerne ich. Seine Ratschläge sind kostbar! Ich arbeite stundenlang an meinen Zeichnungen. Eine einzige seiner Korrektur, die er mit Hilfe eines mit Farbe beschmierten Fingers macht und damit über meine am Boden liegende Zeichnung gleitet, lässt sie explodieren!

Ich werde von nun an nie wieder wie früher zeichnen.

Das Gefühl für die Zeichenkunst ist rehabilitiert.

Ich will ein Profi sein.

Aimé Venel

Einführung zu den Zeichenkursen

Paris, 2. September 1982

 

                                                           
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